„Sei doch froh, dass sich der Vater kümmert“

Dieser Satz wirbelt in mir stark gemischte Gefühle auf. Und so erging es mir auch kürzlich wieder als ich ihn auf Facebook gelesen habe. Man kann sagen ich habe eine privilegierte Situation was den Exmann betrifft. Andere Frauen trifft es bei ihren Exemplaren deutlich schlimmer und auch alleinerziehende Papas können ein ziemliches Drama mit der Exfrau haben.
Privilegiert bin ich, da mein Exmann anstandslos den Unterhalt zahlt. Jeden Monat kommt er sogar überpünktlich. Ich bin auch privilegiert in der Hinsicht, dass er sein Kind sehen will und konsequent zweimal die Woche anruft, um mit seinem Sohn zu reden. Aber da hört es quasi auch schon auf.
Mein Sohn zum Beispiel würde den Papa gerne öfters in den Ferien sehen, aber der Papa bekommt angeblich nie Urlaub oder weiß zu spät, wann er Urlaub hat, um das Kind zu sich zu holen. Sehr unpraktisch gerade, da der Sohn ja nun ein Schulkind ist. Im Sommer fragte der Sohn immer wieder ob er zum Papa könnte und ich war diejenige, welche ihm sagen musste, dass es nicht geht, da der Papa keinen Urlaub hat. Nun freut sich mein Sohn Ende des Monats endlich zu ihm zu fahren.
Ich freue mich auch für meinen Sohn, denn immerhin war er 10 Monate nicht bei seinem Papa. Der Papa kam zwar alle 4-5 Wochen vorbei, aber wirklich oft und viel gesehen haben sie sich nicht. Vor allem über Nacht haben sie sich nicht gesehen. Hinzu kommt, dass der Papa zwar in seinen besuchskontakten hier eine Routine eingebaut hat (sie machen immer das gleiche), aber für die 10 Tage bei ihm ist keine Struktur angegeben. Ich kann Sohnemann auf nichts vorbereiten. Jetzt könnte man natürlich sagen: „Und? Was ist daran so schlimm?“ und eigentlich wäre es nicht schlimm und ich könnte sagen „Nichts.“, wenn Sohnemann nicht Autist wäre.
Durch die fehlenden Strukturen kann es sein, dass es beim Papa noch ganz okay funktioniert, aber spätestens, wenn Sohnemann zurück kommt wird er völlig außer sich sein. Er wird sich nicht sortiert bekommen, aggressiv sein und viel Schreien und Wut raus lassen (Overloads und Meltdowns sind die besseren Begriffe dafür und kommen gehäuft nach längeren Vaterkontakten bei uns vor). Gut, wenn das dann nur bei mir daheim passiert, schlecht, wenn es in der Schule losgeht. Andersrum auch wieder gut, wenn es in der Schule losgeht, weil am zweiten Schultag nach den Ferien steht die Verlängerung des Schulbegleiters an.
Ein anderer Faktor ist, dass Sohnemann ohne mich nicht wüsste, dass der Papa mit seiner Freundin zusammengezogen ist und die beiden Kinder von ihr also jetzt auch beim Papa wohnen. Heißt er hat den Papa nicht für sich allein wie noch vor 10 Monaten, sondern alles ist anders. Noch so ein Punkt, wo ich nicht weiß wie Sohnemann es verkraftet. Fest steht, ich musste meinem Sohn versprechen jeden Abend anzurufen, damit er jemanden hat der für ihn da ist.
Als er vor einem Jahr bei seinem Papa war, war es sehr schlimm für ihn und das kuriose ist, dass die Freundin von meinem Ex damals mein Kind parallel zu mir am Telefon tröstete und mein Ex dies nicht machte. Nun ja als Mama weiß sie wie es ist für ein Kind von der wichtigsten Bezugsperson getrennt zu sein.
Ich gehe aber davon aus, dass mein Sohn tagsüber die Zeit genießen wird, auch wenn er Angst hat vor dem älteren Kind, dass es ihn auslacht, da er auf Ponys steht. Ich habe ihm mittlerweile einen kleinen Trick verraten wie er das Tarnen kann. Das gute ist das jüngste Kind der Freundin ist ein Mädchen. Da kann er zumindest sagen ich habe das für sie gemacht ohne sich outen zu müssen. Wenn er es aber dennoch möchte, kann er es machen. Ich hoffe nur mein Exmann unterstützt ihn dann und lacht ihn nicht mit aus.
Wenn Sohnemann wieder kommt wird er seinen Papa leider eine längere Zeit nicht sehen, da der Papa, dann erst Ende Februar wiederkommt. Die Begründung mir gegenüber war, dass er ja seinen Sohn jetzt im Januar so lange hat. Das macht mich tief traurig für seinen Sohn und ich verstehe immer mehr warum das Kind dem Papa nicht mehr traut. Es will nicht mit ihm telefonieren und wimmelt ihn immer mehr ab. Es kommt zu mir und sagt: „Der Papa lügt. Er hat wohl Geld. Er hat mir ganz viel gekauft.“ Mein Exmann erzählt leider auch gegenüber dem Kind immer wieder, dass er kein Geld habe. Mag evtl. auch stimmen, aber wenn sie sich sehen verhält er sich so als hätte er zu viel davon. Da verschließt sich meinem Sohn dann die Logik, was ich auch verstehe.
Die andere Seite ist, dass mein Exmann nie nach den Diagnosen, nach dem gelingen in der Schule fragt. Er fragt nie nach den Therapien etc. Seine Mutter fragt hin und wieder und auch sie ist erstaunt, dass da nicht mehr Interesse kommt. Mein Exmann versteht nicht warum unser gemeinsamer Sohn so viel Routine braucht und nimmt es auf die leichte Schulter. Er hat auch noch nie einen Overload oder einen Meltdown mitbekommen. Nur einen kleinen. Er weiß nicht, um was es tagtäglich bei uns geht. Und so sehr ich mich nun freue, dass mein Sohn an Sylvester beim Papa ist, genauso sehr fürchte ich mich vor der Zeit, wenn mein Sohn wieder daheim ist und ich ihm wieder helfen muss in die Strukturen zu finden.
Ja, ich wäre froh, wenn der Vater sich kümmert, aber unter kümmern verstehe ich mehr als das Kind unregelmäßig zu sich zu Besuch zu holen oder einmal im Monat für 1 ½ Tage vorbei zu kommen.

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3 Gedanken zu “„Sei doch froh, dass sich der Vater kümmert“

  1. Wie gut ich dich verstehen kann! Bei uns ist das ganz ähnlich. Mein Sohn ist zwar kein Autist, hat aber wahrscheinlich ADS – die Diagnose steht noch aus. Jedenfalls braucht auch er Strukturen, einigermaßen feste Zeiten, zu denen er ins Bett muss usw., Viel draußen sein hilft ihm den Kopf frei zu kriegen für seine Schulaufgaben, statt dessen hockt er beim Vater fast ausschließlich vor dem PC oder dem Fernseher und das ist äußerst kontraproduktiv, was die Schule angeht. Oft kommt er völlig übermüdet zurück und ist auch schon auf der Toilette einfach eingeschlafen. Oder er ist völlig aufgedreht. Arzttermine, Krankenhausaufenthalte, Elternabende oder Gespräche mit dem Lehrer oder im Hort – kein Interesse von Seiten des Vaters.

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  2. Ich finde mich auch 1 zu 1 in deinem Artikel wieder, mein Sohn ist auch Autist und der Papa tut es gern ab, sieht nicht die Diagnose, setzt sich wenig mit ihm auseinander….. Reden können wir darüber nicht, ich hab dem Kind die Diagnose eingeredet, weil ich keinen bock auf Erziehung hab. Autismus ist ein schwieriges Thema, halt durch. Wie alt ist dein Sohn?

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    1. Verstehe was du meinst. So äußert sich mein Ex zum Glück nicht, aber kenne Leute, die dies schon geäußert haben uns gegenüber. ich erfinde es nur, um den Staat auszunutzen. Ja typisch. Durchhalten werde ich, denn ich weiß für welches Wunder ich alles mache 🙂 Mein Sohn ist in wenigen Tagen übrigens 7 1/2 Jahre alt.

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