War es gut vor dem Pädagogik-Studium Mutter zu werden? – Meine Gedanken zu meiner Erziehung vor, während oder nach dem Studium

Gestern erst wurde ich auf die #VerflixteLinkparty aufmerksam, als die Liebe Wiebke einen Beitrag von „Die Bärchenmama“ teilte, indem sie aufzeigt, was sie als Sozialpädagogin riet bevor sie Mutter wurde und wie sich ihr Verhältnis dazu heute geändert hat. Mein erster Gedanke dazu driftete mich in mein 1. Studiensemester zurück. Ich saß damals in einer Vorlesung zum Thema „Grundbegriffe und Geschichte päd. Organisationen (Vorlesung) “ und irgendwann sagte unser Dozent:

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Zu den Anfängen meines Sozial- und Organisationspädagogikstudiums konnte ich ehrlich gesagt nicht viel mit diesen Worten anfangen. Ich fand sie lustig und amüsierte mich sehr darüber. Heute kann ich diesen Worten auf meine Weise zustimmen.

Erziehung vor dem beinah Verlust meines Sohnes

6 Jahre bevor ich ins Studium ging wurde ich Mama. Ich hatte mit 19 Jahren, die ich da war, mal was von Pädagogik gehört, da ich Erziehungswissenschaften als Leistungskurs hatte und selber zeitweise im Mädchenheim gelebt hatte. Das Bild von der Erziehung meiner Mutter wühlte mir im Kopf und ich wusste dadurch wie ich es nicht machen wollte, aber so wirklich wissen, was für mich Erziehung ist tat ich nicht. Ich war ja gerade mal 2 Wochen mit dem Abitur fertig als mein Sohn auf die Welt kam.

Lucis Reise ausm KH
Da war er gerade mal 7 Tage alt.

Die erste Zeit lief es auch ganz gut. Ich kam mit meinem kleinen Wurm gut zurecht, doch dann machte ich einige Fehler. Ich geriet in den Konflikt, Ausbildung, fauler Freund, zu wenig Kinderbetreuung als mein Sohn 1 Jahr alt war und am Ende verlor ich mein Kind beinah an eine Pflegefamilie. Mein Fehler war, dass ich erschöpft war, der Ausbildung zu hohe Prioritäten setzte und mein Kind vernachlässigt hatte. Auch weil ich mich auf jemanden verlassen hatte, der seine Ausbildung schmiss, um einer Zockersucht zu verfallen (siehe Blogbeitrag zum Thema Gaming).

Mein Weg zur selbstbewussten Erziehung (vor Studium)

Als wir diese Zeiten überstanden hatten, veränderte sich mein Blick auf mein Kind und die Erziehung. Ich wurde achtsamer und behielt mein Kind mehr im Blick. Mir fielen Dinge in der Entwicklung auf, welche ich vorher nicht bemerkt hatte und schlug mich mit Erziehern rum, die blitzschnell verschiedenen Diagnosen um sich herumwarfen. Von Hochbegabt bis unerzogen hatte ich alles dabei. Dinge die mich zur Verzweiflung brachten und begann mich zu fragen, ob ich überhaupt in der Lage bin zu erziehen. Mein schlimmster Gedanke zu dieser Zeit war, ob es nicht wirklich für mein Kind besser wäre, wenn es in eine andere Familie kommt.

Ich kämpfte mich durch, holte mir Rat vom Amt und bekam eine Familienhilfe nach Hause, allerdings waren dann Ideen und Tipps bei, die mich heute noch Kopfschütteln lassen: „Wenn ihr Kind nicht hört und aggressiv reagiert bringen sie es ins Kinderzimmer und machen das Türschutzgitter zu. Reagieren sie nicht bis es aufhört.“ Mein Sohn war das sehr ausdauernd. Er schrie den ganzen Tag und ließ sich nicht wirklich beruhigen. Die Methode brachte es natürlich auch nicht. Oder, Tipps 2: „Wenn ihr Kind sich im Supermarkt auf den Boden wirft und brüllt stellen sie sich daneben und brüllen mit.“ Ehm, ja ist klar. Damit nehme ich das Gefühl des Kindes weder wahr noch ernst und mache mich nebenbei noch zum Affen. Nein, das geht nicht.

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Viel draußen sein und das leben gemeinsam genießen.

Es kam dann das ich mit meinem Sohn nochmal umzog in die Nähe von meinem Freund und aus dem Brennpunkt Ruhrgebiet rauskam. Wir kamen an unseren jetzigen Wohnort und hier konnte ich endlich Luft holen. Ich hatte mehr Blick auf mein Kind und das in Ruhe, ohne das eine Kita mir ständig neue Diagnosen vorwarf und konnte mich auf mein Kind konzentrieren. Ich lernte in dieser Zeit, das ich mehr erreiche, wenn wir Strukturen haben und ich meinem Kind die Möglichkeit gebe sich in Ruhe zu äußern, dass es besser ist ihm nicht den Mund abzuschneiden, weil es mir mit dem Stottern gerade zu lange dauert, sondern ihn zu respektieren und ihm zuzuhören. Wir wurden kuscheliger und verbrachten Zeiten intensiver zusammen. Aber auch waren wir auf dem Weg zu Diagnosen, an die wir vorher nicht gedacht hätten.

Wenn wir aneinander krachten und mein Sohn explodierte lehrte ich ihm, dass seine Wut okay ist, solange er nicht andere schlägt und eignete mir an, dass ich ihn in diesem Moment in Ruhe lasse. Je mehr es in Richtung Autismus ging, desto achtsamer wurde ich und optimierte mein Erziehungsverhalten. Doch wirklich optimal war es da noch nicht.

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Auf der Porta Nigra in unserer Wunschheimat vor ca. 3 Jahren

Kurz vor Studienbeginn kam dann eine Situation, wo mein Sohn in der Tagesklinik war. Ich war zu einem Elterngespräch da und als ich fertig war sah mich mein Sohn. Er fragte mich, ob ich kurz mit ihm noch Pferdchen spielen kann und ich tat es. Ich sah daran nichts Schlimmes, doch genau dies sollte dazu führen, dass eine Psychologin auf die Idee kam mir elterliche Überfürsorge und Gefahr fürs Kind diagnostizierte. Vielleicht auch, weil ich dafür sorgte, dass mein Kind nicht vollstationär zu ihr kommt. Dann begann mein Studium.

Was bringt mir die Erfahrung fürs Studium

Zu meinen Studienanfängen war ich ziemlich nervös. Wusste ich ja nicht was mich erwartet, nur, dass es anstrengend wird und zeitweise in Stress ausartet war mir klar. In einer meiner ersten Vorlesungen kam dann der Spruch vom oben genannten Dozenten. Heute kann ich (bin jetzt im 4. Fachsemester) in der Tat mit diesen Worten etwas anfangen.

Während meines Studiums bin ich auf viele Theorien gestoßen, die als Hintergrundwissen dienen. Ich lernte Grundlagen der Psychologie kennen und fing auch an mir erste Philosophische Grundlagen anzueignen. Und es gab die Seminare und hier kommt der Knackpunkt. In den Seminaren übst du zum Teil praktisch, zum Teil bekommst du aber auch Texte aus Erziehungsratgebern oder Methoden gezeigt und hier gibt es in der Tat einen Unterschied in der Herangehensweise zu meinen Kommilitonen. Die Unterschiede liegen nämlich nicht nur an der Arbeitsmoral.

Ich sehe die Methoden und Texte mit einem anderen Auge, denn in Gedanken nutze ich mein Kind, um zu kristallisieren wie viel ich mir daraus annehmen kann. Nehmen wir zum Beispiel die Methode der Gesprächspsychotherapie, die wir in der Gesprächsführung lernten. Paraphrasieren und Verbalisieren sind hier ganz wichtig für einen aktiven Zuhörer. Ich habe die Methode auch geübt und kann es auch ein wenig (man muss hier wirklich viel üben), aber ich würde die Methode nicht daheim so anwenden wie wir sie übten. Stell die vor dein Kind kommt und erzählt dir etwas von der Schule und du sagst: „Du sagst also, dass in der Schule …“ Immer mit so einem fragenden Ton, damit du halt raushören kannst ob du es richtig verstanden hast. Ich glaube, dass sie in gewissen Kontexten gut ist, aber daheim würde ich es nicht so machen, sondern sage zum Beispiel, wenn ich gerade nicht sofort reagieren kann. Ich habe dich verstanden, aber erzähl mir gleich bitte, wenn ich mich darauf auch konzentrieren kann und es entsteht dann später ein Dialog.

Karneval 2013
Harmonie und Freude sind uns wichtig.

Was mir aber zum Beispiel viel hilft ist das Autismus hier im Studium immer wieder ein Thema ist und durch Zufall auch gestern in der Praktikumsnachbereitung wieder. Wir lernten 3 verschiedene Schlüsselsituationen kennen. Unter anderem eine aus der Schulsozialarbeit. Es ging um einen auffälligen Schüler, der im Unterricht klarkommt, in den Pausen hoch aggressiv ist, daheim nur auf seine Tiere bezogen. Das Setting: Krisengespräch mit Vater, Jugendamt, Förderlehrerin und Schulsozialarbeiterin. Der Jugendamtsmitarbeiter kannte den Jugendlichen gerade mal 3 Wochen, Diagnosen liefen noch und er war aber schon der Überzeugung, dass eh nichts was bringen wird und hatte den Jungen schon aufgegeben. Maximal: Anti-Aggressionstraining. Während meine Kommilitonen noch überlegten, wetterte ich schon los, dass dieses verhalten vom Mitarbeiter gar nicht geht. Dass man ein Kind nicht aufgeben kann mit 14 Jahren und ein Anti-Aggressionstraining nicht tiefgreifend sei, da nur die oberflächlichen Symptome behandelt werden würden. An den Problemen in den sozialen Kontakten und den nicht gemachten Hausaufgaben würde es aber nichts ändern. Es entstand eine Diskussion und irgendwie musste ich an meinen Sohn denken. Doch ich wollte den Begriff nicht reinwerfen. Da kam von der Kommilitonin der Begriff, der mir im Kopf schwirrte und die Information, dass seit dem auch der Jugendamtsmitarbeiter eine Chance für den Jungen sah. Der Begriff war: Autismus. 2 Wochen nach diesem Gespräch bekam der Junge endlich die für ihn rettende Diagnose.

Das sind Momente im Studium wo mir bewusstwird, dass ich gut daran tue auf mein Bauchgefühl zu hören. Ein großer Teil meiner Erziehung übrigens. Ich nutze die Gefühle, die um mich herum schweben. Das lag mir schon immer besser als immer nur rational zu handeln. Allerdings habe ich auch ein inneres Trennverhältnis zwischen Öffentlich (Beruf) und Privat (Familie). Ja auch im Praktikum war ich empathisch und hab das Bauchgefühl genutzt, aber ich habe eine Distanz bewahrt, die hier wichtig ist, da ich sonst zusammenbrechen würde. Ohne die Distanz könnte ich nicht Situationen analysieren und es verkraften, wenn ihr erfahre, dass ein Klient obdachlos ist oder Gewalt erfährt.

Was bedeutet dies für die Zukunft?

Für die Zukunft bedeutet das, dass ich so viel wie möglich von meinem pädagogischen Wissen aus der heimischen Erziehung raus lassen werde. Wertschätzung und auch Zuhören werden aber bleiben, sowie wie auch Authentizität und Empathie. Ich werde meinem Kind nah bleiben und ihm vertrauen, sowie für es da sein.

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Sein dürfen wer man ist und was man mag.

Für die berufliche Zukunft möchte ich mich nicht rein auf eine Distanz verlassen und auf die Theorien im Einzelnen. Ich werde es weiter wie im Praktikum handhaben. Aktiv zuhören, empathisch sein. Mich mit den Klienten auch mal allein unterhalten und Ihnen beistehen und auch mal raten. Aber auch mir merken und immer wieder hervorrufen, dass ich niemals einen Menschen aufgeben mag und auch nie ausgelernt habe. Fachwissen ändert sich stetig und jeder Mensch ist anders, daher muss ich jeden Fall immer individuell sehen, auch wenn es parallelen gibt. Ich hoffe einfach, dass ich es schaffe nicht Berufsblind zu werden, denn nur so kann ich anderen Menschen helfen bei der Erziehung und ihnen klarmachen wie sie sich auch selbst helfen können. So zumindest mein aktueller gedanklicher Stand, doch ich glaube mein Blick wird sich noch ändern und schärfen, denn noch bin ich lange nicht fertig mit meinen Studien.

Fazit

Um zu meiner Frage zurück zu kommen, ob es gut war vor dem Studium Mutter zu werden, würde ich klar sagen ja, denn so habe ich ein praktisches Bild von Erziehung im Vorhinein gehabt und einige Erfahrungen gemacht, wo was nicht so richtig läuft.

Dieses praktische Bild hilft mir heute, die Informationen aus dem Studium zu verarbeiten und mich in Klienten hineinzuversetzen. Aber auch auf anderer Seite hilft es mir, denn so wird mein Kind nicht zum Testpersönchen für mein theoretisches Wissen, was schnell mal passieren kann auch wenn man es nicht will, und hin und zu klopf ich mir nun auch im Studium auf die Mutter und denke mir. Ja, du machst es richtig. Ich bin ehrlich gesagt Stolzer und noch selbstsicherer geworden, in dem was ich tue.

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4 Gedanken zu “War es gut vor dem Pädagogik-Studium Mutter zu werden? – Meine Gedanken zu meiner Erziehung vor, während oder nach dem Studium

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