Warum ich ohne Schwangerschaft im Geburtshaus war

Gestern war ich in einem Geburtshaus. Das erste Mal in meinem Leben. Kurioser weise ist dieses aber in den Räumen eines Krankenhauses eingemietet. Dazu gekommen ist es, weil mich ein Presseartikel getriggert hatte. Ich bekam eine Panikattacke und war der festen Überzeugung, wenn ich nicht außerhalb eines Krankenhauses gebären kann, werde ich nie wieder ein Kind bekommen. Also recherchierte ich, ob es noch irgendwie eine Möglichkeit gibt außerhalb von Klinik Strukturen zu gebären und fand das Geburtshaus.

Schneller als ich sinnig denken konnte schrieb ich einer der 3 Hebammen (der mit den meisten Jahren Berufserfahrung) eine E-Mail und sie reagierte sofort. Sie bat mich anzurufen, damit wir einen Termin vereinbaren können und ich am besten Mal vorbeikomme, da sie es ungünstig findet, sowas via Mail zu besprechen. Also vereinbarten wir einen wirklich zeitnahen Termin und gestern war ich nun bei ihr.

Ich war ein wenig zu früh da und las ein wenig ein Buch und machte ein Bild von dem Bereich vorm Geburtshaus (Titelbild). Die Hebamme engagiert sich im Hebammenverbund und hat es sehr einladend eingerichtet den Vorbereich.

Das Geburtshaus

Als sie kam war sie erstaunt lies mich, aber direkt mit rein und zeigt mir, wo ich die Jacke aufhängen kann, dann zeigte sie mir das Geburtshaus. Links war direkt ein Bereich mit 2 quadratischen Couches. Eine in einem Zimmer wo die Frau allein sein kann, die andre in einem Hinterzimmer, direkt beim Schreibtisch der Hebamme. Überall hängt Deko und bunte Vorhänge und es ist einfach harmonisch eingerichtet. Von dem Raum ab geht es in einen möglichen Geburtsraum. Er ähnelt einem klassischen Kreissaal, aber ist doch 100 % anders, denn hier ist alles dekoriert und schön hergerichtet, sodass man sich doch wohl fühlen kann, aber es gibt auch 2 Alternativräume zur Geburt! Dazu gleich noch mehr.

Wir gingen zurück in den langen Flur. Die erste Tür rechts führte zu einer kleinen Küche, dort gibt es Getränke und auch immer was zu Naschen, denn ganz ehrlich brauchen wir nicht alle Nervennahrung unter der Geburt? Links gab es einmal den Bereich vom Arzt, denn sie arbeiten mit einem Gynäkologen zusammen und ein großes geräumiges Badezimmer mit einer Geburtswanne, wo man aber auch einfach mal relaxen kann und in einen Whirlpool kann. Das ist der zweite Geburtsbereich.

Ganz hinten gingen dann noch eine Tür links und eine Tür rechts ab. Links war das Hebammenschlafzimmer, wo sie bleibt, wenn man nachts noch nicht sicher ist, ob es wirklich zu 100% losgeht und rechts das Schlafzimmer für die werdenden Eltern. Auch hier ist es total heimisch eingerichtet und es gibt die Möglichkeit auch dort zu gebären.

Was mich beeindruckt hatten waren die vielen Bilder von dort geborenen Kindern. Es hat alles so schöngemacht und ich habe mich so wohl gefühlt, obwohl das Geburtshaus in einem Krankenhaus ist, dass ich mir sicher bin, wenn möchte ich hier ein Kind bekommen.

Das Gespräch, Teil 1

Die Hebamme ging mit mir dann in den Raum mit dem Schreibtisch und der Couch. Sie bat mir was zu trinken an und dann machten wir es uns gemütlich. Sie erzählte mir von der geschichtlichen Vergangenheit und von den Trendwendungen, die sie zum Teil sogar selber erlebt hat in ihrer Arbeitszeit. Denn sie bringt viele Jahre Erfahrung mit sich. Sie erzählte von der Entwicklung in den Krankenhäusern und auch dem Ausbau der Psychosomatik beim gleichzeitigen Abbau der Geburtsstationen und der Finanzierungsprobleme der Hebammen. Sie sagt sie kann von ihrem Geld leben und sie werde so lange es geht mit Herzblut das Geburtshaus aufrecht zu erhalten. Sie habe es ganz sicher vor, denn erst gerade hat sie eine 3. Kollegin zu sich bekommen, außerdem hat sie auch eine Hebammenschülerin, die ich wenig später auch kennen lernte. Denn kurz danach klingelte es und die Schülerin kam rein und gesellte sich zu uns.

Sie erzählte aber auch, dass sie in Abhängigkeit steht und es natürlich jederzeit passieren kann, dass das Geburtshaus geschlossen wird, da man ihr den Vertrag kündigt. Ein für mich mulmiges Gefühl, denn so denke ich mir dann lieber schnell ein Kind als evtl. genau diesen Worstcase zu bekommen. Auch erzählte sie mir, dass es den Anschein macht als sei sie Situation in RLP Landespolitisch gewollt und ich leider kein Einzelfall bin, denn immer öfters melden sich traumatisierte Frauen bei ihr, die einfach Panik haben nochmal in einer Klinik entbinden zu müssen. Dann sollte ich erzählen…

Die Geburt von Luca und was davon hängen blieb

 Wir schreiben das Jahr 2008. Ich habe gerade mein Abiturzeugnis hochschwanger bekommen und habe nun Zeit mich auf die letzten Wochen bis zur Schwangerschaft zu konzentrieren, doch dann gerate ich in eine Stresssituation, weil ich einer ebenfalls schwangeren Freundin helfen mag. Dies löste bei mir Wehen aus, sodass ich ins Krankenhaus musste. Die Wehen blieben lange auf einen Stand und so war ich erst mal 3 Tage in der Klinik und man schaute, ob es sich nicht doch nochmal beruhigt, denn ich war bei Ankunft 35 +4 , Luca kam dann aber 36+0.

35+6: Ich bin am späten Nachmittag im CTG-Raum und bekomme eine Blutabnahme. Werden das CTG läuft wird die Probe in einem Schnellverfahren analysiert. Das Ergebnis: Schwangerschaftsvergiftung. Die Ärzte kommen rein, sagen, dass ich wohl gleich einen Kaiserschnitt bekommen werde, sie den Wert aber lieber nochmal manuell überprüfen und verschwinden. Ich sitze da und bin gefühlt allein, obwohl mein Exmann immer wieder bei mir war. Allein in diesem CTG-Raum, allein mit meiner Angst. Kaiserschnitt, Schwangerschaftsvergiftung. 2 Horrorvorstellungen für mich und ich fange an zu weinen.

Nach einer halben Stunde kommen die Ärzte wieder. Nein, Werte waren falsch keine Schwangerschaftsvergiftung. Sie würden aber dennoch einleiten aus Sicherheit. Keine Widerworte erlaubt. Ich müsste mich aber noch ein wenig gedulden, da alle Kreissaale bis auf einen belegt sind und den bräuchten sie für die Kreissaalführung. Wieder gingen sie weg und ich musste weiter in dem Raum bleiben und noch eine Stunde warten. Wieder kreisten die Gedanken und ich bekam Angst. Es ging irgendwie so schnell. Ich wusste nicht wie das geht, hatte immer gehofft noch einen Geburtsvorbereitungskurs machen zu können und nun sollte es plötzlich ganz schnell gehen.

Irgendwann kam jemand vom Krankenhaus. Ich weiß nicht ob es Hebamme oder Krankenschwester oder Arzt war und legte mir einen Zugang inklusive Wehentropf und brachte mich in den Kreissaal, doch es wollte nicht so wirklich vorangehen, aber das Kind hatte jetzt zu kommen im Plan der Ärzte auch wenn diese sich nicht mehr blicken ließen. Wir hatten ja mitten in der Nacht. Die Hebamme war mal bei mir und dann wieder war ich allein mit meinem Exmann, denn parallel gebaren noch 3 andere Frauen ihre Kinder in dieser Nacht und sie war für alle zuständig. Also eilte sie hin und her und hin und her und ich blieb da. Völlig überfordert mit der Situation.

Irgendwann kam sie wieder und meinte, dass sie nun die Fruchtblase aufsteche, da es dann schneller gehen wird und sie hatte recht, denn plötzlich raste die Geburt nur so voran. Ich weiß, dass ich irgendwann vorher eine PDA bekommen hatte, aber dass die Spritze verrutschte und sie somit gar nicht wirkte. Und ich presste und versuchte zu atmen und irgendwann war dann Luca da. Ein Vorgang den ich irgendwie ziemlich verdrängt habe, weil es so schnell ging. Ich weiß nur irgendwann lag er auf mir und ich war so glücklich.

Nach der Geburt

Wir mussten dann noch 3 Stunden im Kreißsaal bleiben. Die Plazenta wurde kontrolliert und ich wurde genäht, da ich gerissen war. Dann wurde mir Luca weggenommen, weil man meinte ich solle mich mal erholen und ich schlief unruhig 2 Stunden. Dann wachte ich auf und bekam Luca auch direkt erst mal wieder. Ich versuchte ihn zu stillen, aber irgendwie gelang es nicht richtig und kurz darauf ging auch alles so schnell.

Es hieß plötzlich, dass mein Sohn gelbsüchtig sei und er sofort auf die Kinderstation müsse zur Fototherapie und ich abpumpen müsste. Ich bekam irgend so eine Pumpe in die Hand gedrückt und wurde allein gelassen. Ich wusste nicht was Gelbsucht ist und bekam Panik. Mein Exmann war nicht da und ich war mit den Sorgen allein. Ich fing also an mit dem Abpumpen, ein Desaster, was später dazu führen sollte, dass ich nach 6 Wochen abstillen musste, dabei hatte ich so viel Muttermilch, dass ich sogar noch weitere Kinder hätte ernähren können. Aber selbst meine Hebamme konnte den Schaden nicht mehr richten, den die falschen Aufsätze angerichtet hatten.

In den nächsten 7 Tagen habe ich nur noch funktioniert. Denn im 12 Stunden Takt wurde Luca hin und her geschoben. 12 Stunden Kinderstation, 12 Stunden bei mir auf Station, weitere 12 Stunden Kinderstation. Es ging hin und her und her und hin. Ich habe in dieser Zeit ziemlich oft geweint, denn ich wollte einfach nur mein Kind bei mir haben und ihn nicht ständig entrissen bekommen. Vor allem weil man mich nie richtig aufklärte und mich wirklich allein lies mit allem. Ich war dann einfach nur noch froh als wir endlich die Klinik verlassen konnten.

Das Gespräch, Teil 2

Die Hebamme hörte mir die ganze Zeit zu, sah sich das Bild von meinem Kind an, was direkt nach der Geburt entstanden war und war die erste die mich aufklärte, warum mein Kind da so lila war. Ein Bild was mich seit 8 Jahren beschäftigt und für mich dafürsteht, dass nicht alles reibungslos lief. Sie zeigte es auch ihrer Schülerin und erklärte das so ein Bild gar nicht ungewöhnlich ist, aber die Klinik schon ruhig 2 Tage später das Geburtsbild hätte machen können, denn unaufgeklärt schockt einen so ein Bild immer und immer wieder.

Sie versteht warum ich nicht wieder in ein Krankenhaus will, warum ich Angst habe wieder so allein zu sein und zeigte mir aber auch auf, was wir Frauen tun können, um unsere selbstbestimmte Geburt zu haben. Und das werde ich jetzt auch angehen. Egal wie lange das dauert, aber ich bin ja zum Glück nicht allein, denn 2 habe ich ja schon die mit machen wollen (zwinkert zu @schwesternmama und @aktivmitkindern).

Wir redeten über die Vor- und Nachteile der Pränatal Diagnostik und sie schilderte mir 2 Fälle, die sie parallel hatte. Beide Frauen hatten die Diagnostik machen lassen. Bei der einen wurde etwas diagnostiziert was nicht stimmte und man nahm ihr direkt das Kind 3 Tage weg nach der Geburt, um dann zu sagen. Nein es ist alles in Ordnung. Bei der anderen war es gut, denn das Kind hatte einen offenen Rücken. Aber wir waren uns einig, dass der Umgang damit nicht förderlich ist, denn so oft heißt es: „Ja, sie müssen das Kind ja nicht bekommen. Das wissen sie ja.“

Dann musste sie kurz ans Telefon und ich unterhielt mich mit der Hebammenschülerin, über ihre Beweggründe und sie sagte mir, dass sie viel im Umfeld zu kämpfen hat, weil die Leute meinen das es vergebene Lebensmühe ist, aber sie will es schon seit vielen Jahren und ihr ist das Geld egal. Sie sagt, sie könne davon Leben und das reicht ihr, denn eine Geburt begleiten zu dürfen sei ihr viel mehr Wert.

Als die Hebamme dann wieder kam erzählte sie, dass sie gerade eine weitere Frau eingeladen hat, die Tage zu ihr zu kommen. Eine 40-jährige Erst-Mama, die zu hören bekam vom Arzt, dass sie einen Kaiserschnitt haben müsste und der auch die Hebamme sagte: „Das sie sich das mal nicht so leicht vorstellen solle mit der Spontangeburt und sie gefälligst einen Kaiserschnitt machen sollte.“ Das machte uns alle sauer. Denn keine Hebamme sollte so reden. Ist es nicht die Aufgabe einer Hebamme eine Frau in ihrem Weg zu unterstützen und zu bestärken?

Für mich war das ganze Gespräch, was eine Stunde ging, so intensiv, dass ich mir sicher bin, dass ich was tun möchte, um so tolle Hebammen zu erhalten und mir auch sicher bin, wenn ich ein weiteres Kind bekomme, und das am liebsten eher heute als morgen, dann möchte ich die Geburt von ihr begleitet haben. Und vielleicht, vielleicht sehe ich sie ja bald wieder da oder sie hat Notfallplan B eingelöst, denn sie wird kämpfen.

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Ein Gedanke zu “Warum ich ohne Schwangerschaft im Geburtshaus war

  1. Ich bin immer wieder geschockt, an was für Hebammen einige Frauen geraten. Oder Kliniken. Bei mir waren auch alle immer besonders vorsichtig, aber das war der Zwillingsschwangerschaft geschuldet. Letztlich hatte ich mehr Ruhe als alle um mich herum ^.^ Lag aber auch daran, dass ich mich mit allem sehr intensiv auseinandergesetzt hatte in der Schwangerschaft und die dann tatsächlich vorbildlich verlief. Wenn man immer hört was alles schiefgehen könnte, wird man nach und nach ziemlich ruhig, wenn es immer heißt „Aber bei Ihnen ist ja alles in Ordnung!“.

    Aber diese gefühlten Kurzschlussreaktionen hatte ich bei den Ärzten auch. Als die Schwangerschaft immer mehr dem Ende zuging, wollten sie die Kleinen einleiten. Ich habe mich halb überzeugt darauf eingelassen und war drei Tage in der 36. Woche im Krankenhaus. Die Kleinen zeigten uns aber nen Vogel und blieben trotz Gel gemütlich drin, weswegen ich dann von mir aus abbrach und nach Hause ging. Da erzählte mir auch ein Arzt, dass ich dann daran Schuld wäre, wenn die tot geboren würden. Danke fürs Gespräch 😮

    Letztlich kam ich drüber weg, weil ich auf mein Bauchgefühl hörte, dass mir deutlich sagte: Ist noch nicht soweit. Und mit meiner echt tollen Hebamme, die mich immer unterstützte. Die Zwillinge kamen in der 40. SSW kurz vor errechnetem Termin und waren quietsch-fidel. Ich bin aber da echt dankbar für die medizinischen Möglichkeiten in der direkten Nähe gewesen, weil es bei Nr. 2 wirklich knapp am Kaiserschnitt vorbei ging. Unter der Geburt wurde ich gut betreut und wäre auch nicht auf die Idee gekommen, Zwillinge im Geburtshaus zu entbinden. Aber die Wahl sollte jeder Schwangeren offen stehen, da bin ich ganz bei dir.

    Ich hoffe, dass du beim nächsten Mal bessere Unterstützung findest und dich nicht mit Verdrängung vor den Erinnerungen schützen musst.

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